Zwischen militärischer Gegenwart und dunkler Geschichte:
Das Wahlfach „Berufliche Orientierung“ zu Gast beim Luftwaffenstützpunkt der Bundeswehr in Igling
Wie passen moderne Karriereplanung und die Aufarbeitung der deutschen Geschichte zu-sammen? Die Schülerinnen und Schüler des Wahlfachs „Berufliche Orientierung“ erlebten genau diese spannungsvolle Verbindung bei ihrem Besuch des Bundeswehrstandortes in Igling bei Landsberg.
Dass dieser Ausflug kein gewöhnlicher Termin zur Berufswahl werden würde, war bereits bei der Ankunft auf dem Gelände der Luftwaffe spürbar. Das Programm vor Ort schlug geschickt die Brücke zwischen der praktischen Arbeitswelt von heute und den mahnenden Spuren der Geschichte.
Handwerk und Hightech
Im ersten Teil des Nachmittags stand die berufliche Praxis im Vordergrund. Die Schülerinnen und Schüler erhielten nicht nur einen Einblick in den Standort des Instandsetzungszentrums 13, sondern durften selber Hand anlegen: An vorbereiteten Arbeitsplätzen absolvierten alle eine Lötübung. Diese praktische Erfahrung verdeutlichte, dass technische Präzision das Fundament der Luftwaffen-Arbeit bildet, denn das Instandsetzungszentrum 13 ist ein Kompetenz- und Wartungszentrum für Avionik-Systeme, also die elektronischen und optoelektronischen Geräte von Luftfahrzeugen der Bundeswehr. Es ist spezialisiert auf die Reparatur, Überholung und den Erhalt dieser komplexen Bauteile.
Einblicke in die Tiefe: Die Geschichte des Projekts „Weingut II“
Direkt im Anschluss folgte der Wechsel von der beruflichen Zukunft in die dunkle Vergangen-heit des Standortes. Ein Historiker der Bundeswehr führte die Gruppe durch die massiven Bunkeranlagen und Teile des unterirdischen Museums. Dabei wurde deutlich, dass es sich bei dem Projekt „Weingut II“ um ein ab 1944 geplantes, bombensicheres und unterirdisches Instandsetzungs- und Fertigungszentrum der Luftwaffe handelte, in dem Jagdflugzeuge zur Reichsverteidigung hergestellt werden sollten. Die bis zu 400 Meter lange, rund 85 Meter breite und mehr als 25 Meter hohe Anlage zählte zu den größten Rüstungsbauvorhaben ihrer Zeit. Bis zum Kriegsende im April 1945 wurden jedoch nur etwa 230 Meter fertiggestellt. Errichtet werden sollte das Bauwerk von rund 23 000 KZ-Häftlingen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen zur Zwangsarbeit herangezogen wurden, wobei mehr als 6 300 von ihnen diese nicht überlebten. Hier wurde die Verbindung zwischen dem heutigen Bundeswehrstandort und der NS-Zeit greifbar. Die Führung durch den Erinnerungsort „Weingut II“ hinterließ bei allen Beteiligten
einen bleibenden Eindruck über das Ausmaß der nationalsozialistischen Rüstungspläne und das damit verbundene menschliche Leid.
Mehr als nur Dienst an der Waffe: Ein moderner Arbeitgeber stellt sich vor
In dem abschließenden Vortrag eines Karriereberaters der Bundeswehr wurde aufgezeigt, wie vielfältig die Bundeswehr als Arbeitgeber tatsächlich ist. Dabei wurde mit dem Klischee aufgeräumt, dass jeder dort automatisch zum Soldaten wird: Das Spektrum umfasst eine Bandbreite an zivilen und militärischen Berufen. Es wurde klar: Bundeswehr ist nicht gleich-bedeutend mit einem Einsatz an der Front, sondern bietet hochspezialisierte Wege z. B. in Technik, Verwaltung und Logistik.
Fazit: Eine gelungene Symbiose aus Orientierung und Erinnerung
Das Besondere an diesem Nachmittag war die nahtlose Verknüpfung der Themen: Die Schü-ler lernten die Luftwaffe als modernen, demokratischen Arbeitgeber kennen, während sie gleichzeitig am historischen Ort die Gefahren der Vergangenheit reflektierten. Einen ent-scheidenden Beitrag dazu leisteten die Angehörigen der Bundeswehr, die den Besuch begleiteten und den Schülerinnen und Schülern für Gespräche zur Verfügung standen. Durch ihr offenes Auftreten, ihre große Fachkompetenz sowie ihre spürbare Motivation hinterließen sie einen sehr sympathischen, nahbaren und begeisternden Eindruck und machten die Bun-deswehr als möglichen beruflichen Weg authentisch und greifbar.
Die Reaktionen der Jugendlichen sprachen für sich:
· Die Begeisterung für die historischen Hintergründe war so groß, dass Schüler das Thema „Weingut II“ spontan als Thema für ihre kommende Projektpräsentation wählten.
· Auch die beruflichen Impulse zeigten Wirkung: Einige Mädchen konnten sich nach den Einblicken einen Einsatz als Soldatin vorstellen, während für einige Jungen die Option einer Wehrpflicht ab dem 18. Lebensjahr ein denkbares Modell für ihren Lebensweg darstellte.
Wir danken dem Team am Standort Igling für diesen ebenso lehrreichen wie bewegenden Einblick, der gezeigt hat, dass Berufsorientierung weit über das bloße Kennenlernen von Job-profilen hinausgehen kann.
Claudia Wagner